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Geistliche Kraft der Kirche wäre gefragt

Es könnte so einfach sein
Geistliche Kraft der Kirche wäre gefragt
Geistliche Kraft der Kirche wäre gefragt

aus der Zeit Nr. 42 - 2018

Von Valerie Schönian

12. Oktober 2018, 8:00 Uhr Aktualisiert am 16. Oktober 2018, 22:12 - Aus der Zeit 42/2018

Der Hass und die Unsicherheit nehmen zu. In solchen Zeiten braucht die Gesellschaft die Kirchen umso mehr, findet die Atheistin Valerie Schönian.
Steht das Christentum vor dem Aus? Viele Atheisten, das kann ich sagen, denken: Ja. Aber auch viele Gläubige fragen sich das in Zeiten der Entkirchlichung und der Säkularisierung immer häufiger. Jeder leer gebliebene Platz in der Kirchenbank, jede ostdeutsche Jugendweihe, jede zu viel gewandelte Hostie bestätigt da erst mal die Annahme, dass das Christentum langsam ausdient im Abendland. Die Gesellschaft hat ja Kant, Netflix und den ganztägigen Sonntagsbrunch. Wozu braucht es da noch Religion?
Vielleicht braucht die Gesellschaft sie gerade jetzt mehr als seit Langem. Als so etwas wie ein Heilmittel für den zunehmenden Hass, als letzten Halt in einer Zeit, in der alles auseinanderzudriften scheint. Vorausgesetzt, die Kirchen erkennen das und gehen richtig damit um.
Kaum etwas ist heute berechenbar. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Einerseits werden alle Lebensbereiche vom kapitalistischen Prinzip der Gewinnmaximierung dominiert. Der Einzelne muss in allem flexibel sein, stets bereit, sich den Umständen anzupassen. Deshalb weiß heutzutage niemand mehr, wo er in 20 Jahren sein wird. Es können Finanzblasen platzen, Branchen wegbrechen, der Chef kann lieber die aus der Leiharbeitsfirma einstellen oder der Lebensabschnittspartner einen anderen heiraten. Man arbeitet 40 Jahre lang 40 Stunden pro Woche – und trotzdem gibt es für nichts eine Garantie.
Auf der anderen Seite resultiert die Unsicherheit aber nicht nur aus dem Wegbrechen, sondern auch aus der Vielzahl der Möglichkeiten. Weil sowieso alles infrage gestellt wird, fragt man sich ständig: Bin ich glücklich genug? Lebe ich das richtige Leben? Was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe? Wer bin ich dann?
Es gibt plötzlich nicht mehr nur die Midlife-Crisis, die gemeinhin um die 40 eintritt, sondern es gibt auch die Quarterlife-Crisis bei Mittzwanzigern, die sich eigentlich über ihren Studienabschluss freuen sollten. Nicht mehr lange, und die Teenage-Crisis greift um sich, weil schon 14-Jährigen vermittelt wird, dass jede falsche Entscheidung, jede versemmelte Klassenarbeit über den Rest ihres Lebens entscheiden kann. Viele rennen durch die ersten 30 Jahre ihres Lebens wie eine Marathonläuferin auf der Zielgeraden und wissen von einer Überstunde auf die andere plötzlich nicht mehr, warum sie das alles eigentlich machen: Man ist dem Markt egal, man ist den Nachbarn egal, die Eltern sieht man nur zu Weihnachten.
Ob man nun den Verlust der Arbeit fürchtet oder den der Partnerin – was alle Menschen eint, die die Sinnfrage stellen: Sie fühlen sich bedeutungslos. Sie haben Angst. Und leider haben Menschen, denen es schlecht geht, manchmal die Angewohnheit, sich zu wünschen, dass es anderen noch schlechter geht, damit sie sich besser fühlen können. Dabei suchen sie oft nur nach etwas, wovon sie selbst nicht genau wissen, was es ist. In dem Moment werden manche anfällig für Populisten.
Und hier kommt die Kirche ins Spiel. Sie kann den Suchenden geben, was sie brauchen, zum Beispiel: Halt, Gemeinschaft, Gewissheit, Orientierung, Sinn.
Erstens Halt: Viele Menschen sehnen sich danach in dieser zunehmend strukturlosen Welt. Deswegen sind alle Therapeuten ausgebucht, deswegen stehen Psycho-Ratgeber auf Bestsellerlisten. Die Kirche bietet Struktur. Egal wie sehr die Welt strauchelt, egal wie sehr du wankst: Jeden Tag um 18 Uhr ist Gottesdienst. Wenn die Kirchen es schaffen, die Leute einmal in der Woche dazu zu bekommen, das Handy für eine Stunde in der Tasche zu lassen und zu singen, bringt das mehr im Kampf gegen Stress und für seelische Gesundheit als jeder Wie-schaffe-ich-die-Hausarbeit-in-zehn-Tagen-Podcast.

Was bedeutet Freiheit?
Zweitens Gemeinschaft und Gewissheit: Es hat einen Grund, wieso Hollywoodstars gerne nach zwei Monaten heiraten und sich frisch ausgezogene 19-Jährige in der Kneipe treffen, um sonntags "Tatort" zu schauen. Die Leute wollen ein bisschen Gesellschaft und Beständigkeit. Die Kirche bietet die Gemeinschaft. Und die Gewissheit: Alles wird gut. Das klingt nach wenig, ist aber sehr viel. Denn genau das wollen viele Menschen hören in diesen Tagen. Aus diesem Grund wälzt man ja drei Rotwein lang mit der Freundin die immer gleichen Probleme. Man will, dass die Freundin genau das sagt – das hilft, ganz egal, ob sie selbst daran glaubt. Nun gehen doch Christen tatsächlich davon aus, dass alles gut wird, weil Jesus uns schließlich gerettet hat. Wenn Christen also sagen: Es wird alles gut, strahlen sie dieses Nicht-tiefer-als-in-Gottes-Hände-fallen-Ding aus, sodass es selbst Atheisten glauben könnten.
Drittens Orientierung: Niemand gibt gerne Freiheit ab, klar. Aber was bedeutet Freiheit?
Für das Mittzwanziger-Großstadtmilieu bedeutet sie, eine Auswahl zu haben. Deshalb will, wer diesem Milieu entstammt, gegebene Strukturen aufbrechen, um einen eigenen Weg zu finden. Es gibt jedoch auch Menschen, die sich in absoluter Freiheit unfrei fühlen. Das ständige Informieren und die permanente Selbstreflexion kosten Zeit, die nicht jeder hat. Die Welt ist sowieso zu komplex, um sie ganz zu verstehen. Und nicht zu wissen, was kommt, kann verdammt Angst machen. Das Wegbrechen von Strukturen ist daher nicht für alle ein Gewinn. Zu viel Freiheit kann lähmen. Das kann man gut oder schlecht finden, aber es ist eben so. Wie frei ist man, wenn man in ständiger Angst lebt, eine falsche Entscheidung zu treffen? Oder in ständiger Furcht, sich im Ruhestand nicht einmal den Kaffee mit Freunden leisten zu können?
Für die Kirche bedeutet Freiheit, dass es einen Weg gibt – für oder gegen den man sich entscheiden kann. Und sie bietet diesen Weg an. Es gibt eben Menschen, die sich genau das wünschen: ein Regelwerk, das ihnen zeigt, wie sie ein gutes Leben führen können.
Viertens Sinn: Wegen dieser Sehnsucht laufen selbst Unreligiöse den Jakobsweg oder rollen ihren Kopf auf der Yogamatte. Die Kirche bietet ihnen die Botschaft: "Du zählst." (Natürlich ist das "Du" noch sehr ausbaufähig in Richtung Homosexueller, überzeugter Singles und wiederverheirateter Geschiedener.) Man muss nicht an die Auferstehung glauben, um zu erkennen, wie wichtig der Sinn heutzutage ist. Jedoch ist der Sinn durch Fernsehschnulzen ins Kitsch-Abseits geraten. Sein Kern allerdings bleibt: die Liebe. Liebe zu Gott, zu sich selbst, der Natur, dem Hund, dem Nächsten. Deswegen ist Kirche für die Gesellschaft so wichtig: Sie erinnert daran, dass die Liebe zählt, nicht der Hass.
Das ist ihre Aufgabe. Das muss sie schaffen, besser schaffen als bisher. Dafür muss sie den Menschen in die Köpfe hämmern, dass sie geliebt sind und dass man immer einen Halt finden kann. Egal ob christlich, muslimisch, atheistisch, homosexuell, heterosexuell oder AfD-Sympathisant. Dann weicht auch der Hass aus den Köpfen – schon die Punkband Die Ärzte wusste schließlich, dass Gewalt als Tochter des Hasses nur ein stummer Schrei nach Liebe ist. Die Kirchen haben nicht nur theoretisch, sondern praktisch eine frohe Botschaft zu verbreiten. Sie lautet: Das Menschsein und Selbstsein hängt nicht an beruflichen Erfolgen oder der persönlichen Geburtenrate, sondern daran, dass wir gut sind, wie wir sind.
Doch es gibt noch etwas, was die Gesellschaft von den christlichen Kirchen lernen kann. Etwas, was immer wichtiger wird – das Aushalten. So versteht sich die katholische Kirche als Einheit, obwohl unter ihrem Dach Positionen vertreten sind, die weiter auseinanderliegen als die von Horst Seehofer und Katja Kipping. Irgendwie funktioniert es (noch zumindest!). Vielleicht, weil sich die verschiedenen Lager darauf einigen können, dass es gleichzeitig auf etwas Größeres ankommt. Und dieses Größere – die Liebe, ob zum Nächsten oder den da oben – ist die Grundlage, auf der man sich immer wieder treffen kann. Und womit man die Kirche konfrontieren kann, wenn sie konträr handelt.